Strange Days in Hamburg
Mein erster (und bis heute einziger veröffentlichter) Krimi, geschrieben 1999, in der für Kindle 2012 überarbeiteten Version.
Original-Klappentext und Prolog:
Noch immer sehe ich die Toten vor mir. Und noch immer habe ich diesen süßlichen Geruch der Leichen in der Nase, der sich in meiner Erinnerung mit dem Duft des Parfüms der Frau mischt, die ich geliebt habe. Manchmal schrecke ich nachts von ihren entsetzten Blicken in meinen Alpträumen auf oder von meinen Schreien. Aber ich habe gelernt, damit zu leben. Mit der Genugtuung, dass ich überlebt und am Ende die Konsequenzen gezogen habe, schlafe ich rasch wieder ein.
Beziehbar leider nur über Amazon als E-Book oder Paperback.
Leseprobe 1. Kapitel:
Tag 0
Das ganze Abenteuer stand von vornherein nicht unter den besten Vorzeichen. Kürzlich hatte ich meinen Hund Frisko wegen Tollwut einschläfern lassen müssen. Und meine Freundin Biggi hatte mich wegen einem Deppen mit Mantamatte verlassen. Wahrscheinlich hörten sie sich gerade ’ne Platte von Pur an oder begingen noch grausamere Dinge, während ich schwermütig an meiner Einsamkeit laborierte. Abseits der störenden Menschheit hatte ich mich ins hinterste Eck meines Tales zurückgezogen und kaute unter alten Buchen auf einem Strohhalm. Vor mir lag die Gemächlichkeit eines Spätsommernachmittags. Zufrieden grasten ein paar Kühe auf der Weide am Hang gegenüber. Unten im Dorf knarrten Mopeds vergeblich gegen die Langeweile an.
Ich wohne am Ortsrand, im letzten Haus an der Straße, ein Stück von den Nachbarhäusern entfernt. Dorfromantik aus Fachwerk und Naturstein. Dorthin habe ich mich aus der Großstadt zurückgezogen und nach einigen Anlaufschwierigkeiten ganz zufrieden gelebt. Ich bin eigentlich Steinmetz. Körperliche Arbeit liegt mir. Aber da ich gern ein Künstler werden wollte, zog ich aus meiner verpennten Kleinstadt am damals noch real existierenden Zonenrand in die glitzernde Hafenstadt Hamburg, um dort Bildhauerei zu studieren. Dummerweise interessierte mich das Leben auf St. Pauli mehr als die Arbeit auf dem Campus und ich strauchelte. Die Großstadt ist nicht mein Revier. Zu viele Einflüsse, Verlockungen und Fallen. Ich brauche die Ruhe und Klarheit der Natur. Am liebsten streife ich alleine oder mit Hund durch die Wälder. Dann spüre ich das Leben und meine Sinne am unverfälschtesten. Nachdem ich als letzten Ausweg aus dem totalen Abfuck den Schritt möglichst weit weg von Hamburg in die tiefste süddeutsche Provinz gewagt hatte, startete ich als Künstler ohne akademische Weihen. Die ersten Jahre waren schwer. Ich war verdammt einsam und ohne Ablenkung mit den Scherben meines Lebens konfrontiert, misstrauisch von den Dörflern beäugt, die so gar nichts mit mir anfangen konnten. Mein Hütte ist zwar billig, dafür musste ich sie mühsam bewohnbar machen. In meiner chronischen Geldnot verdingte ich mich in Grabsteinklitschen, überwarf mich dabei jedoch so lange mit allen Meistern, bis ich in der ganzen Gegend keinen Job mehr bekam.
Irgendwie gelang’s mir dann doch noch, Interessenten für meine Kunstwerke zu finden. Für eine Weile entsprach mein Leben in der Abgeschiedenheit mit Freundin, Hund und Auskommen als Bildhauer durchaus meinen optimistischsten Vorstellungen. Doch nun war ich allein und die Idylle ödete mich an. Plötzlich fühlte ich mich eingeengt von den steilen, bewaldeten Hängen um mich herum. Die Dorfbewohner waren mir wieder fremd. Die Ruhe nervte mich.
Ich konnte von Glück sagen, dass ich mit meiner Arbeit wenigstens ein erklägliches Maß an Ablenkung fand. Ich erhob mich, um nicht noch mehr Zeit zu vertun. Als ich keine zehn Minuten später die verwitterte Holztür meiner Werkstatt aufschloss, stoppte ein schwarzer Mercedes vor der Auffahrt, auf der mein geliebter antiquarischer Peugeot Pick-up stand. Während die von der Limousine aufgewirbelte Staubwolke langsam davonzog, sprangen zwei zackige Typen in Anzügen heraus. Der eine in dunklem Zwirn mit Sonnenbrille war mit seinem Ochsenkreuz, über dem das Sacco spannte, unzweifelhaft der Leibwächter. Der andere, schmälere in Grau mit Goldrandbrille sah aus wie der Sekretär. Die Hauptperson wartete im Fond, bis ihr die Tür von einem ihrer Diener geöffnet wurde. Ich war gespannt, wer sich da bis zu mir verirrt hatte. Natürlich hoffte ich auf zahlungskräftige Kundschaft oder gar einen Mäzen, der mir ein sorgenfreies Leben zur vollkommenen künstlerischen Entfaltung finanzieren wollte. Doch mit diesen frommen Wünschen lag ich voll daneben. Person Nummer drei war – mir fiel die Kinnlade runter – eine Frau, mit der ich ganz bestimmt nicht gerechnet hatte. Ich war froh, dass ich nicht die schäbigsten Klamotten an und erst am Vortag ein bisschen aufgeräumt hatte. Trotzdem, dieser Besuch traf mich doch sehr unvorbereitet. Schon stand sie vor mir und begrüßte mich mit ihrem unnachahmlich triumphierenden Lächeln. Mein Herz klopfte wie bei meinem ersten Rendevouz und wie bei meiner allerersten Begegnung mit ihr. Ich stammelte: „Hallo Cherry! Was führt dich denn hierher?“
Cherry: Eigentlich Geraldine Riedbach, Tochter eines farbigen GI und einer Deutschen, die sie nach gescheiterter Ehe alleine in einem Nest in der Nähe von Kassel aufzieht. Mit 18 folgt Cherry dem Hafenstraßen-Mythos nach Hamburg. Über meinen damaligen Mitbewohner Dino, der in den entsprechenden Kreisen verkehrt, lerne ich sie kennen und bin sofort Feuer und Flamme. Bis auf ein kurzes Techtel kann ich bei ihr nicht punkten. Anfang der Neunziger geht sie nach Berlin, macht das Abitur nach, studiert und startet gleichzeitig eine Karriere als Politikerin. Nach ihrem Abgang aus Hamburg haben uns nur noch ein paarmal gesehen und bald aus den Augen verloren.
Die zwei Typen blieben dezent im Hintergrund. Cherry, die Schöne, die mir noch immer den Atem nahm, wenn ich sie ansah, elegant gekleidet in dunkelblauem Kostüm mit fast schon unsittlich kurzem Rock, die schon gewonnen hat, wenn andere Politiker erst zur großen Rede ansetzen, antwortete auf meine verlegene Frage mit dunkler Stimme, jedoch im unschuldigen Tonfall eines Girlies: „Ich wollte mal sehen, wie du so lebst, Harry. Wir sind uns schon so lange nicht mehr begegnet.“
Ich nickte.
„Ein bisschen abgelegen wohnst du hier. Wir haben vom Frankfurter Flughafen über zwei Stunden gebraucht.“
„Bist du etwa von Straßburg geflogen? Von dort wärst du mit dem Auto kaum länger unterwegs gewesen.“ Langsam fand ich meine Fassung wieder und konnte mich einigermaßen normal unterhalten.
„Ich komme gerade aus Brüssel. Aber immerhin scheinst du informiert zu sein.“
„Selbst hier im Dorf gibt es Zeitungen. Ich hab gelesen, dass du ins EU-Parlament gekommen bist. Gratuliere! Steile Karriere, kleine Punkerin.“
„Der Mensch entwickelt sich eben weiter.“ Hörte ich da ein wenig Süffisanz raus?
„Mit solchen Chancen als Farbige.“
„Mein Nachnamen klingt so deutsch, dass selbst die Älteren keine Probleme mit mir haben.“
„Früher warst du mal anders drauf.“
„Du auch.“
Nach einem Augenblick des Schweigens interpretierte ich ihren Blick richtig und beeilte mich, sie ins Haus zu einem Warmgetränk einzuladen. Die Hiwis konnten ruhig draußen warten. Ich kochte Kaffee in meiner rustikalen Küche und versuchte, das Gespräch wieder in Gang zu bringen. Schließlich war ich der Gastgeber. Was bot sich da besser an, als an die alten Zeiten anzuknüpfen: „Meine Güte, was hast du Dino und mich verrückt gemacht. Und dann bist du mit diesem verwanzten Hausbesetzer einfach nach Berlin abgehauen, weil’s da besser abging. Und schwupp: Als ich dich dann in der Hauptstadt besuchte, warst du schon in der Partei, hast ganz anders ausgesehen und gequatscht. – Und sonst? Bist du verheiratet?“
Wieder lächeln, diesmal allerdings mehr das der Politikerin. „Nur formal, mit einem Anwalt aus dem Osten. Aber das hat keine Bedeutung. Und du?“
Ich machte eine wegwerfende Handbewegung, stellte zwei Tassen (mit Untertassen!) auf den rasch abgewischten, blanken Eichentisch und antwortete: „So eine wie du ist mir leider nie wieder begegnet.“ Irgendwie war ich von meiner eigenen Offenheit selbst überrascht. Aber wenn ich sie so ansah, wäre jeder andere Satz eine glatte Lüge gewesen.
Jetzt war tatsächlich sie ein wenig verlegen. Erwartungsgemäß fing sie sich schnell wieder und entgegnete: „Ach Harry, lass bitte die alten Kamellen! Zwischen uns hat’s nicht gepasst. Und du bist auch nicht für immer solo geblieben.“
Das stimmte. Ich musste für einen Moment an meine Ex-Freundin Biggi denken, die mir von dem Nackenspoiler ausgespannt worden war. Wie belanglos sie mir auf einmal erschien im Vergleich zu Cherry. Ich weiß, das ist gemein. Aber Cherry war wie eine Fee aus der großen Welt in mein Zwergenreich hinab geschwebt. Schlagartig wurde mir bewusst, dass sie ganz bestimmt nicht aus Sentimentalität hierher gekommen war. Ich goss ihr Kaffee ein, setzte mich ihr genau gegenüber und fixierte sie. „Heraus mit der Sprache: Warum bist du hier aufgekreuzt? Doch nicht nur, um mir mal guten Tag zu sagen.“
Sie hielt meinem Blick problemlos stand und schaffte es sogar, mich so anzusehen, dass eine ungeheure Vertrautheit in ihren Zügen lag, die bei mir eine wohlige Gänsehaut erzeugte und das fast übermächtige Bedürfnis, meinen Kopf an ihren Busen zu drücken. Diesen Effekt wollte sie offenbar auch erreichen, wie ich bald merken würde, um möglichst weitgehend die Gefahr auszuschließen, ich könnte ihren Wünschen nicht entsprechen. Mit warmer, fast mütterlicher Stimme begann sie: „Ich glaube, unser alter Freund Dino hat Ärger.“
Ich stutzte. „Hast du noch Kontakt zu ihm?“
„Gelegentlich. Er wohnt immer noch auf dem Kiez. Übrigens hat er sich nach dir erkundigt.“
„Warum meldet er sich nicht selbst, sondern schickt dich vor?“
Diese Güte in ihrem Blick. Ich schwankte zwischen genervt und verliebt.
„Er hat mich nicht geschickt. Das würde er nie machen. Er würde dich auch nie um Hilfe bitten. Männer!“ Sie lachte. „Dazu seid ihr viel zu stur. Nein, ich komme auf eigene Initiative. Ich fürchte, es ist dringend. Am besten, du fährst noch heute zu ihm.“
„Wie bitte?!“ Ich glaube, ich guckte wie ein Volvo.
Cherry genoss mit lässiger Pose den Überraschungseffekt. Nachdem sie sich ausgiebig mit ihrer knallroten Zungenspitze über die strahlend weißen Zähne gestrichen hatte, setzte sie nach: „Stell dich nicht so an! Du greifst ihm ein paar Tage psychisch und vielleicht auch ein bisschen praktisch unter die Arme. Dir tut die Luftveränderung auch ganz gut nach dem ganzen Beziehungsfrust.“
Aha! Da sprach die informierte Politikerin. Wahrscheinlich hätte sie auch erzählen können, was für eine Zahnpasta ich benutze und wieviel Miese ich auf dem Konto hatte. Offensichtlich hatte sie sich diesen Coup genau überlegt und mit routinierter Professionalität vorbereitet. Ich kannte ihre Durchsetzungskraft und ahnte, dass sie ihre Position ohne Zögern für ihre persönlichen Belange nutzen würde. Ich war aber nicht gewillt zu springen, wenn die Herrschaften pfiffen. „Wie stellst du dir das vor?“, fragte ich mit leicht gereizter Stimme. „Ich kann hier nicht weg. Ich habe einen Beruf und einen Auftrag zu erledigen. In nur sechs Wochen ist Stichtag. Da muss der Sandsteinklotz da draußen als fertiges Denkmal auf dem Marktplatz einer Kleinstadt stehen. Die sagen nicht: ‚Was soll’s, dann warten wir eben zwei Wochen länger.‘ Die wollen Ergebnisse.“
Für Cherry war das alles kein Problem: „Wenn du dir einen Arm brechen würdest, könntest du den Termin auch nicht einhalten. Außerdem kenne ich den Abgeordneten von dort ganz gut, der wiederum ein Duzfreund vom Bürgermeister ist. Ich regle das für dich.“
„Warum regelst du dann nicht gleich Dinos Probleme?“
Nun veränderte sich ihr Gesichtsausdruck. Sie wurde streitlustig. „Das ist ’ne Angelegenheit unter Männern. Irgendwelcher Milieu-Stress. Du kennst ja seine Attitüden. Du bist ihm auch noch was schuldig.“
„Ganz bestimmt nicht.“ Ich konnte mir denken, worauf sie anspielte, aber ich hatte keine Lust, längst vergessene Rechnungen wieder auszugraben. Meine Mimik verriet meinen Unwillen.
Sie dachte nicht daran, dieses Tal zu verlassen, ohne ihren Willen durchgesetzt zu haben, und holte das ultimative Totschlagargument aus dem Sack: „Hör zu, Harald Schroth! In erster Linie hast du noch was bei mir offen. Du weißt, wovon ich rede. Oder muss ich dir erst aufzählen, wieviel zig-tausend Mark du an nicht bezahltem Unterhalt gespart hast, weil das Kind, das du gezeugt hast, nie geboren wurde? So viele Gefallen, wie du mir dafür tun müsstest, kannst du im ganzen Leben nicht abarbeiten. Also setz‘ dich in deine Karre und rausch ab zu deinem alten Kumpel.
Ganz nebenbei könntet ihr auch klären, was für einen Fight ihr damals auf meinem Rücken ausgetragen habt. Was meinst du, warum ich nach Berlin gegangen bin? Darüber habt ihr beide in euren von Eifersucht vernebelten Birnen nicht einen Gedanken verschwendet.“ Für einige Sekunden brachen die Emotionen durch. Affektiv sah sie sich nach ungebetenen Zuhörern um.
Doch nur ich vernahm ihre aus lange aufgestauter Wut hervorgestoßenen Worte in der ansonsten stillen Küche unter der niedrigen, verrusten Decke, in der bereits die Dämmerung Einzug hielt. Sie hatte sich sofort wieder im Griff und wartete scheinbar ungerührt auf meine Reaktion. Ich musste kapitulieren, wenngleich ich zu all dem eine Menge hätte sagen können. Und wenn es nur darum ging, wer das Kind eigentlich nicht gewollt hatte. Und wer hatte wen, fast rasend vor Eifersucht, verrückt gemacht? Aber ich wusste, dass sie mich moralisch in die Enge getrieben hatte. Sicherlich konnte sie problemlos noch einen draufsetzen. Ich habe mich im Leben nicht immer nur fein benommen, dessen bin ich mir bewusst.
Cherry registrierte, dass ich wortlos klein beigab. Die Zufriedenheit kehrte in ihr hübsches Gesicht zurück. Sie kramte aus ihrer Handtasche ein Portemonnaie hervor und legte ein paar Geldscheine zwischen die Tassen. „Spesen. Ein Tausender müsste reichen. Ein preiswertes Hotelzimmer habe ich bereits für dich reservieren lassen. Hier steht das Hotel und Dinos Telefonnummer.“ Sie reichte mir einen Zettel rüber. Ich nickte artig. „Wie gesagt, das mit dem Denkmal werde ich regeln. Hast du jemand, der sich um die Blumen kümmert?“
„Kein Problem.“ Ich saß mit verschränkten Armen da und blickte aus dem Fenster auf den nahen Waldrand hinter dem brüchigen Holzzaun. So ein Mist! Diese verdammten Karrieremenschen kriegen auch immer, was sie wollen. Cherry war aus heiterem Himmel in mein Leben geplatzt und ehe ich mich versah, hatte sie mich auf dem Weg nach Hamburg geschickt. Nun empfand ich kein Stück mehr Liebe für sie. Sie war immer noch unglaublich schön. Aber die Cherry, die ich geliebt hatte, war das junge, leicht naive und kuschelbedürftige Punkermädchen aus der Provinz, nicht die mit allen Wassern gewaschene, abgewichste Politikerin.
Als wir kurz darauf draußen vor dem Haus standen, war mein Ärger schon wieder weitgehend verraucht. Vielleicht war’s ja gar nicht so verkehrt, ein paar Tage wegzufahren. In Hamburg würde ich sicherlich auf andere Gedanken kommen. Und wenn ich ehrlich bin, hatte ich in den vorangegangenen Tagen trotz Termindruck nicht sonderlich viel an meinem Auftrag gearbeitet. Ich zeigte meiner Besucherin den Klotz aus Rotsandstein unter dem Wellblechvordach, an dessen grob behauenen Konturen bereits weibliche Formen zu erahnen waren.
Cherry wirkte ehrlich interessiert und fragte: „Ist es das, weswegen du hierher ans Ende der Welt gezogen bist?“
Ich lachte. „Wie oft ich das schon gehört habe. Ob man diesen Ort als das Ende oder den Mittelpunkt der Welt empfindet, hängt ganz vom persönlichen Standpunkt ab.“ Dann ernster: „Ich musste einfach weg. Hamburg wäre mein Untergang gewesen. Da habe ich mir gesagt: Back to the Roots – oder das, was ich mir darunter vorstelle. Ich finde’s okay. In meinem Alter ist der Trubel der Großstadt nicht mehr so wichtig.“
Sie grinste. „In deinem Alter! Du bist noch nicht mal 40. Für ein Leben als ergrauter Eremit bleibt noch genug Zeit. Erstmal musst du dich wieder ins Leben stürzen. Wer weiß, vielleicht begegnest du dort noch einer, mit der du’s aushalten kannst.“
„Ach, du bist so gut zu mir.“
Wir plauderten noch eine Weile recht belanglos über unsere Realitäten und das Leben im Allgemeinen, während sich ihre Jungs gelangweilt ans Auto lehnten und ihre Ungeduld verbargen. Ich weiß auch nicht, warum ich nicht nochmal nachhakte, worum es eigentlich bei meinem kleinen Spezialauftrag genauer ging. Irgendwie schaffte es Cherry in ihrer geübten Politikerinnenrhetorik, das heikle Thema zu umgehen und mir dabei noch das Gefühl zu geben, ernst genommen zu werden. Dass ich nicht lache! Diese Klasse für sich, ziemlich unabhängig von ihrer politischen Richtung (von Überzeugung will ich gar nicht sprechen!), versteht es in erster Linie, Menschen geschickt mit allerlei verbalen Ablenkungsmanövern und scheinbarer Fürsorge für ihre Zwecke zu funktionalisieren.
Schließlich verabschiedete sich Cherry von mir mit einem Händedruck. Die Berührung erzeugte doch erneut Herzklopfen bei mir. Sie versprach: „Bis bald. Ich melde mich. Ehrenwort! Und danke, dass du dich um Dino kümmerst.“ Für den Bruchteil einer Sekunde streichelte sie meine Wange. Dann drehte sie sich um und rief den zwei Stummen in zackigem Ton zu: „Auf geht’s!“
Der Benz verschwand in einer Staubwolke und ließ mich auf der Auffahrt verwirrt und noch melancholischer als zuvor zurück. Ich wusste nicht, ob ich froh oder sauer sein sollte, dass ich mein vertrautes Tal verlassen und meine Arbeit vernachlässigen sollte. Die weite Welt rief. Das war doch eigentlich die Gelegenheit, die festgefahrene Situation nach der Trennung von Biggi hinter mir zu lassen. Doch was würde mich in Hamburg erwarten? Wieviele Jahre hatte ich die Stadt gemieden? War ich überhaupt noch auf solche Abenteuer eingestellt? Wenn ich auch nur ansatzweise geahnt hätte, worauf ich mich tatsächlich einließ, wäre ich wahrscheinlich in erster Linie mit weichen Knien an die Sache ran gegangen. So bekam ich lediglich Gänsehaut von einer kühlen Brise, die von den bewaldeten Hängen herunter wehte. Trotzdem war mir auch in meiner ganzen Ahnungslosigkeit die Sache nicht ganz geheuer und ich verwünschte Cherry dafür, dass sie mir diesen Trip in eine Welt, in der ich schon einmal gescheitert war, aufgebrummt hatte, ohne mir beizustehen. Ich fühlte mich plötzlich ganz verloren, fast wie ein Kind, das von seiner Mutter über’s Wochenende bei fremden Leuten abgegeben wird.